
Shared Decision Making und Advance Care Planning – ein Forschungsschwerpunkt stellt sich vor
Shared Decision Making (SDM) gilt als zentraler Baustein einer patientenzentrierten und Autonomie wahrenden Gesundheitsversorgung. Es beschreibt einen kooperativen Entscheidungsprozess, in dem sich Patient*innen und Behandelnde gleichberechtigt begegnen und gemeinsam (entscheidungs-) relevante Informationen und Optionen auf Grundlage der individuellen Patient*innenwünsche miteinander abwägen. Als Sonderform des Shared Decision Making ist das Advance Care Planning (ACP) anzusehen. In dessen Mittelpunkt steht ein strukturierter Befähigungsprozess, in dem Patient*innen ihre Werte, Ziele und Behandlungswünsche für zukünftige gesundheitliche Krisensituationen reflektieren und dokumentieren. Mithilfe der vorausschauenden Behandlungsplanung soll das Selbstbestimmungsrecht von Patient*innen auch dann gewahrt werden, wenn diese nicht (mehr) dazu in der Lage sind, ihre Präferenzen zu äußern.
Für die Allgemeinmedizin ist das Shared Decision Making in seinen unterschiedlichen Ausprägungen in vielerlei Hinsicht von hoher Relevanz. Mit ihren langfristigen Arzt-Patient*innen-Beziehungen, vielfältigen Entscheidungsanlässen und ihrer großen Versorgungsbreite bietet sie günstige Voraussetzungen für die Anwendung der gemeinsamen Entscheidungsfindung. Sein Potenzial entfaltet das SDM jedoch in der hausärztlichen Praxis selbst. Es führt zu einer besseren Informiertheit der Patient*innen, zu realistischeren Erwartungen an Behandlungsoptionen und zu einer höheren Therapieadhärenz. Ebenso erhöht es die Übereinstimmung zwischen präferierten und tatsächlich erhaltenden medizinischen Maßnahmen und kann Über- sowie Unterversorgung reduzieren.
Insbesondere Patient*innengruppen mit komplexen Versorgungsbedarfen, wie beispielsweise chronisch kranke, multimorbide und gebrechliche Menschen profitieren von einer stärkeren Einbindung in Therapieentscheidungen und Selbstmanagementstrategien. In Pflegeeinrichtungen kann SDM in Verbindung mit ACP zudem dazu beitragen, ungewünschte, vermeidbare und nutzlose medizinische Maßnahmen (z.B. Krankenhauseinweisungen) vor allem am Lebensende zu reduzieren und damit eine präferenzsensible Gesundheitsversorgung zu fördern.
Wegen seines Potenzials wird SDM als Prinzip in Forschung und Praxis breit unterstützt. Auch patientenseitig wird eine Beteiligung an Therapieentscheidungen mehrheitlich gewünscht. Gleichzeitig bestehen jedoch vielfältige Herausforderungen und Hemmnisse, die einer praktischen Umsetzung und einer systematischen Integration in Praxisabläufe, Aus- und Weiterbildung sowie Versorgungsstrukturen im Wege stehen.

Hier setzt der Forschungsschwerpunkt an. Ziel unserer wissenschaftlichen Arbeit ist es, gemeinsam mit den unterschiedlichen Akteuren der Allgemeinmedizin den Kulturwandel hin zu einer patientenzentrierten, präferenzsensiblen allgemeinmedizinischen Versorgung voranzutreiben. Unser Fokus liegt dabei auf der theoretischen Auseinandersetzung mit, der anwendungsorientierten Konzeptentwicklung für und der umsetzungsbezogenen Implementierungsforschung zu SDM und ACP.
Aktuell befassen wir uns beispielsweise mit der hausärztlichen Versorgung von Pflegeheimbewohnenden. In Qualifizierungsprojekten wird dabei untersucht, wie in der stationären Altenpflege Entscheidungsprozesse angesichts lebensbedrohlicher Ereignisse gestaltet werden und inwieweit das Shared Decision Making dabei zur Anwendung kommt. Des Weiteren wird erforscht, inwiefern der Behandlungswille von Altenheimbewohnenden bei der Entscheidung zur stationären Einweisung berücksichtigt wird. Im Bereich gesundheitliche Vorausplanung stehen aktuell Hausärzt*innen im Zentrum des Interesses. Ziel ist es, ihre Motivation zur Mitwirkung am Advance Care Planning sowie mögliche förderliche und hinderliche Faktoren zu ergründen.
Text: Annika Godder